MÜNCHENER KAMMERORCHESTER

Von ›einem hinreißenden Mix aus historischer und moderner Musizierpraxis‹ berichtete Reinhard J. Brembeck im Februar 2016 im Feuilleton der Süddeutschen Zeitung nach einem Abonnementkonzert des Münchener Kammerorchesters mit Alexander Liebreich.  ›Einen aufsässigeren, optimistischeren und geheimnisvolleren Beethoven bringt auch keines der drei großen Münchner Orchester hin‹, lobte der Kritiker mit Bezug auf die Aufführung der 2. Symphonie und staunte, ›wie fulminant, virtuos und verspielt dieses Ensemble mittlerweile agiert‹. 

 

Ähnliche Zustimmung äußerte kurz darauf die Neue Zürcher Zeitung in ihrer Besprechung eines Gastspiels im Casino Zug mit Konzertmeister Daniel Giglberger. ›Das Münchener Kammerorchester erinnert in vielem an ein Streichquartett‹, schrieb Moritz Weber, den nicht nur die ›Agilität und höchste Klangsensibilität‹ der Interpretationen erfreuten, sondern auch die Bereitschaft der Musiker, durchweg ›einer unprätentiösen und dennoch sehr bewegenden Emotionalität treu‹ zu bleiben.       

 

Eine außergewöhnlich kreative Programmgestaltung in Verbindung mit der in kontinuierlicher Arbeit gewachsenen Homogenität des Klangs: Rund 65 Jahre nach seiner Gründung in der unmittelbaren Nachkriegszeit präsentiert sich das Münchener Kammerorchester heute als Modellfall in der deutschen Orchesterlandschaft. Um über 50 Prozent konnte das Ensemble die Abonnentenzahlen in den vergangenen Spielzeiten steigern, und dies bei durchweg anspruchsvollen Angeboten.

 

Mit der Saison 2016/17 tritt Clemens Schuldt sein Amt als neuer Chefdirigent an. In Fragen der künstlerischen Planung steht dem gebürtigen Bremer ein vierköpfiges künstlerisches Gremium zu Seite, dem zwei vom Orchester ernannte Musiker sowie die Geschäftsführung des MKO angehören. Auch weiterhin werden die Programme Werke früherer Jahrhunderte assoziativ und spannungsreich mit Musik der Gegenwart konfrontieren. Ästhetisch vorurteilsfrei und experimentierlustig setzen Schuldt und das Orchester dabei auf die Erlebnisqualität und kommunikative Intensität zeitgenössischer Musik. Nachdem in den vergangenen Spielzeiten Begriffe wie ›Ostwärts‹, ›Drama‹, ›Kindheit‹ oder ›Isolation‹ die dramaturgische Konzeption leiteten, wird die kommende Saison sich unterschiedlichen Facetten des Themas ›Reformation‹ zuwenden.   

 

Mehr als siebzig Uraufführungen hat das Kammerorchester zu Gehör gebracht seit Christoph Poppen 1995 die Künstlerische Leitung übernahm und das unverwechselbare Profil des Klangkörpers begründete. Komponisten wie Iannis Xenakis, Wolfgang Rihm, Tan Dun, Chaya Czernowin und Jörg Widmann haben für das Kammerorchester geschrieben; allein seit Alexander Liebreich 2006 die Nachfolge Poppens antrat. hat das MKO Aufträge u.a. an Erkki-Sven Tüür, Thomas Larcher, Bernhard Lang, Nikolaus Brass, Samir Odeh-Tamimi, Klaus Lang, Mark Andre, Peter Ruzicka, Márton Illés, Miroslav Srnka und Tigran Mansurian vergeben. Gemeinsam mit dem RIAS Kammerchor und unterstützt von der Ernst von Siemens Musikstiftung hat das MKO bei drei bedeutenden Komponisten der Gegenwart – Salvatore Sciarrino, Pascal Dusapin und Georg Friedrich Haas – neue Werke für Chor und Orchester in Auftrag gegeben. Bei den Ur- und Erstaufführungen in mehreren Städten Europas in den Jahren 2014 bis 2016 erklangen die Novitäten unter Leitung Alexander Liebreichs in Gegenüberstellung mit großen Werken des Standardrepertoires.

 

Neben den Donnerstagabenden im Prinzregententheater, der Hauptspielstätte des Orchesters, findet auch die Reihe ›Nachtmusiken‹ in der Rotunde der Pinakothek der Moderne ein ebenso kundiges wie zahlreiches Publikum. Seit nahezu anderthalb Jahrzehnten stellen diese Konzerte jeweils monographisch einen Komponisten des 20. oder 21. Jahrhunderts vor. Mit dem ›MKO songbook‹ wurde im ›Schwere Reiter‹ in München 2015 ein Format etabliert, das Auftragswerke des MKO und Arbeiten Münchener Komponisten in den Mittelpunkt stellt.   

 

Den Kern des Ensembles bilden die 28 fest angestellten Streicher. Im Zusammenwirken mit einem Stamm erstklassiger Solobläser aus europäischen Spitzenorchestern profiliert sich das MKO als schlank besetztes Sinfonieorchester, das auch in Hauptwerken Beethovens, Schuberts oder Schumanns interpretatorische Maßstäbe setzen kann. Wichtiger Bestandteil der Abonnementreihe wie auch der Gastspiele des Orchesters sind Konzerte unter Leitung eines der beiden Konzertmeister. Die Verantwortungsbereitschaft und das bedingungslose Engagement jedes einzelnen Musikers teilen sich an solchen Abenden mitunter besonders intensiv mit.

 

1950 von Christoph Stepp gegründet, wurde das Münchener Kammerorchester von 1956 an über fast vier Jahrzehnte von Hans Stadlmair geprägt. Der Ära unter Christoph Poppen (1995–2006) folgten zehn Jahre mit Alexander Liebreich als Künstlerischem Leiter des MKO. Das Orchester wird von der Stadt München, dem Land Bayern und dem Bezirk Oberbayern mit öffentlichen Zuschüssen gefördert. Seit der Saison 2006/07 ist die European Computer Telecoms AG (ECT) offizieller Hauptsponsor des MKO.

 

Das MKO versteht sich als modernes und flexibles Ensemble, das mannigfache Aktivitäten außerhalb der Abonnementreihen entfaltet. Rund sechzig Konzerte pro Jahr führen das Orchester auf wichtige Konzertpodien in aller Welt. In den vergangenen Spielzeiten standen u.a. Tourneen nach Asien, Spanien, Skandinavien und Südamerika auf dem Plan. Mehrere Gastspielreisen unternahm das MKO in Zusammenarbeit mit dem Goethe-Institut, darunter Auftritte in Moskau und die aufsehenerregende Akademie im Herbst 2012 in Nordkorea, bei der das Orchester die Gelegenheit hatte mit nordkoreanischen Musikstudenten zu arbeiten.

 

Bei ECM Records sind Aufnahmen des Orchesters mit Werken von Karl Amadeus Hartmann, Sofia Gubaidulina, Tigran Mansurian, Giacinto Scelsi, Thomas Larcher, Valentin Silvestrov, Isang Yun und Joseph Haydn sowie von Toshio Hosokawa erschienen. Weitere Einspielungen mit dem MKO wurden bei Sony Classical veröffentlicht u.a. eine CD mit Rossini-Ouvertüren sowie zusammen mit dem Chor des Bayerischen Rundfunks das Requiem von Gabriel Fauré (ECHO Klassik 2012), die c-Moll Messe von Mozart sowie im Mai 2014 das Mozart-Requiem. 2015 sind gleich drei CDs mit dem MKO bei Sony Classical erschienen: eine Mozart-Aufnahme mit der Flötistin Magali Mosnier, mit François Leleux eine Einspielung von Oboenkonzerten von Hummel und Haydn sowie zuletzt eine Orchester-CD unter der Leitung von Alexander Liebreich mit Mendelssohns ›Sommernachtstraum‹ sowie dessen 4. Symphonie.

 

Wiederholte Kooperationen verbinden das MKO u.a. mit der Münchener Biennale, der Bayerischen Theaterakademie, der Villa Stuck, dem DOK.fest München, der LMU sowie der TU München. Ein Schwerpunkt der Aktivitäten des Orchesters bildet dabei die integrative Arbeit im Rahmen des ›Projekt München‹. Ziel ist eine Vernetzung des Orchesters am Standort München und die Kooperation mit Institutionen im Jugend- und Sozialbereich. Der Gedanke sozialer Verantwortung liegt auch dem Aids-Konzert des Münchener Kammerorchesters zugrunde, das sich seit 2007 als künstlerisches und gesellschaftliches Highlight im Münchener Konzertleben etabliert hat.

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